26. Sep, 2021 16:00
Gustaf-Gründgens-Platz
»Politik als Science Fiction: Die Zukunft der molekularen Revolution«

Vorträge

KATJA DIEFENBACH | Der Zyklus der Revolten und Aufstände der späten 1960er Jahre war von dem Paradox geprägt, in den Terminologien des Marxismus für intersektionale und minoritäre Befreiungs- und Transformationsszenarien einzutreten, die über den Horizont des Marxismus hinausführten. Vor allem Wert-, Klassen- und Zeitbegriffe erfuhren tiefgreifende Überarbeitungen, die Differenz, Kontingenz, Überdetermination und Ereignishaftigkeit in das Denken des Politischen einbrachten und dazu anregten, kapitalistische Ökonomien vor allem aus der komplexen Perspektive ihrer Reproduktion zu erörtern, die sich über das gesamte gesellschaftliche Territorium erstreckt. Dabei wurde Marx' dialektische Ineinanderfügung von Ökonomiekritik und Revolutionstheorie, in der die Arbeiterklasse als geschichtliches Subjekt stets an der Stelle zu finden war, zu der die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise hintendierten, in kompliziertere Denkfiguren übersetzt. Unterschiedliche Fäden solch postmarxistischer Debatten aufgreifend, werden wir Ansätze diskutieren, die das Verhältnis von Kapital- und Lebenszeit, von Ökonomie und Begehren, Wert und Libido neu entwerfen. Dabei werden wir uns im Rahmen ausgewählter Stichproben auf neue Werttheorien in (Post-)Strukturalismus, Dekonstruktion und Black Studies konzentrieren. Gegen die sich mehrenden Vorwürfe, dass minoritäre Politiken identitäre Politiken seien, dass Politiken des Begehrens der Logik von Konkurrenz und Kommodifizierung unterlägen, debattieren wir über die Zukunft molekularer Revolutionen, in denen sich kein autonomes Ich oder Wir, das Eigentümer seiner Handlungen und seines Sinns sein will, mehr wird wiedererkennen können und Identifizierung und Kommodifizierung Formen ihres Scheiterns bzw. ihrer Reintegration darstellen. In diesem Sinne wird es um Handlungs- und Denkansätze eines sich fremd gewordenen, zu keinem vorgegebenen Sinn mehr zurückkehrenden, obdachlosen oder Xeno-Marxismus gehen, die wir probehalber unter dem Namen molekularer Revolution diskutieren werden.
Katja Diefenbach ist Professorin für Kulturphilosophie/ Philosophie der Kulturen, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder). Zu Ihren Arbeitsschwerpunkten zählen der Poststrukturalismus, Dekonstruktion und Postmarxismus, die Rezeption französischer Philosophie in Cultural, Postcolonial und Gender Studies, Kulturen-, Zeit- und Praxisbegriffe in ästhetischer und politischer Philosophie, Theorien der Transmodernität und Transkulturalität unter bes. Berücksichtigung gewaltgeschichtlicher, (post)kolonialer und kapitalistischer Vergesellschaftungsweisen, Wechselverhältnisse zwischen europäischer Philosophie- und Kolonialgeschichte, Theorien des Ereignisses und des Aufstands, Spinozaforschung. Publikationen u.a.: Spekulativer Materialismus. Spinoza in der postmarxistischen Philosophie, Wien: Turia + Kant 2018. Encountering Althusser. Politics and Materialism in Contemporary Radical Thought, London und New York: Bloomsbury 2013 (hrsg. mit S. Farris, G. Kirn, P. Thomas).
Teilnehmer*innen:
distance-l8 - 1920
distance-l7 - 1602
distance-l6 - 1568
distance-l5 - 1440
distance-l4 - 1325
distance-l3 - 1164
distance-l2 - 1080
distance-l1 - 1024
distance-s1 - 799
distance-s2 - 720
distance-s3 - 640
distance-s4 - 414
distance-s5 - 320